The quantified writer

Den Schreibfortschritt protokolliere ich schon seit längerer Zeit recht umständlich täglich in einer Excel-Tabelle. Vor Kurzem bin ich aber auf eine elegante Möglichkeit gestoßen, das ganze automatisch mitzuschneiden. Dieser Blogpost beschäftigt sich zuerst mit der Psychologie hinter dem Protokollieren und anschließend mit der technischen Umsetzung.

Narzissmus oder Selbsterkenntnis?

Quantified self, also das – mehr oder minder automatisierte und – kontinuierliche Loggen unterschiedlicher Verhaltensdaten ist einer der Trends, nicht nur in der Tech-Szene. Egal ob Schritte zählen wie Fitbit oder das Tracken von Kalorien via Smartphone – die Vermessung des Ichs ist mittlerweile weit verbreitet. Es gibt auch ein TED-Video dazu, dass die Philosophie und Möglichkeiten der Selbstquantifizierung anschaulich zeigt:

Welches Ausmaß diese Selbstvermessung und Protokollierungszwang annehmen kann, lässt sich auf den Seiten von Buster Benson „bestaunen“, beispielsweise sein Projekt für den Rest seines Lebens jeden Tag um 8.36 pm ein Bild von seiner Umgebung aufzunehmen, was mittlerweile eine ganze Menge Nachahmer gefunden hat.

Seine Umwelt täglich zu einem bestimmten Zeitpunkt abzulichten verfolgt kein unmittelbar ersichtliches Ziel. Wenn jedoch die Quantifizierung von Verhalten den Anstrich bekommt, dass man sich selbst in irgendeiner Weise positiv beeinflussen möchte, dann wird das Protokollieren in gewisser Weise legitimiert. 🙂 In Abgrenzung wird dann auch der nerdige Begriff des Self-Hackings verwendet. Naja, ich dachte jedenfalls, dass das writing tracker script einen positiven Einfluss auf die Schreibleistung ausüben könnte. Wieso? Wegen folgender psychologischer Überlegungen:

  1. Self-discrepancy theory
  2. Nach der sozialpsychologischen Selbst-Diskrepanz-Theorie [zotpressInText item=“{AC265Q58}“] unterscheiden wir drei Selbst-Schemata: Wie wir uns derzeit wahrnehmen (actual self), so wie wir gerne hätten, dass wir wären (ideal self) und so wie wir sein sollten (ought self). Ein Tracken des Schreibfortschritts macht eventuelle Diskrepanz zwischen Ideal- und Ist-Zustand deutlich, was negative Anspannung erzeugen würde, die dann wiederum zur Erreichung des angestrebten Verhaltens führen kann.

  3. Public commitment
  4. Die öffentliche Bekanntgabe von Zielen – „Jeden Tag schreiben!“ – sorgt für zusätzliche Verpflichtung. Öffentliche Verpflichtung wird erfolgreich z.B. bei der Raucherentwöhnung oder bei der Gewichtsreduktion eingesetzt, wobei der Empfänglichkeit für die Meinung Anderer ein wichtiger Moderator zu sein scheint [zotpressInText item=“{ZB9QKPN4}“].

  5. Evaluation von Maßnahmen
  6. In der Verhaltenstherapie wird zur Änderung von negativen Verhaltensweisen, häufig als erster Schritt ein Verhaltensprotokoll erstellt, auch um daran später den Therapieerfolg messen zu können. In Bezug aufs Schreiben heißt das dann, dass man verschiedene Schreibfördermaßnahmen bewerten kann.

Technische Umsetzung der Schreibmessung

Nachdem Wieso nun zum Wie. Eher per Zufall bin ich auf die kurzweilige Website des Sci-Fi-Autors Jamie Todd Rubin gestoßen, wahrscheinlich weil er recht aktiver Evernote Ambassador für das papierlose Leben ist. Rubin schreibt viel, nicht nur Science-Fiction Texte, sondern in seinem Blog vor allem übers Schreiben selbst. Durch einen seiner Posts bin ich auf den von ihm programmierten „writing tracker“ aufmerksam geworden. Den Quellcode sowie eine ausführliche Anweisung zum Aufsetzen des Trackers hat Rubin Interessierten auf Github zur Verfügung gestellt.

Dieses Tool erledigt automatisch folgende drei Dinge:

  1. Zählt die an einem Tag geschriebenen Wörter und trägt sie in ein Google Spreadsheet ein.
  2. Fasst das Geschriebene in einem html-file zusammen, mit farblicher Hervorhebung der Änderungen zum Vortag (in grün Ergänzungen, rot Löschungen und gelb Verschiebungen).
  3. Sendet den html-File an eine Email-Adresse zur Archivierung. Dafür kann auch die Evernote-Adresse verwendet werden.

Als Fan von Statistiken und Datenvisualisierung hat das natürlich meine Neugier geweckt. 🙂 Mit Hilfe der umfangreichen Funktionen von google charts können nun aus den Tracker-Ergebnissen, die im google spreadsheet abgetragen sind, ein Liniendiagramm erstellt werden. Die Veröffentlichung eines Diagramms auf einer Webseite oder in einem Blog-Eintrag ist ebenfalls kinderleicht:
writing_progress

Es entsteht ein JavaScript-snippet mit einer ganzen Reihe an Argumenten, u.a. zur Größe der Grafik, der Formatierung der Achsen und zur Auswahl des Datenbereichs. Noch das wordpress plugin Enhanced Text Widget zum Anzeigen von JavaScript in einem Widget installieren und schon kann man den täglichen Schreibfortschritt per Blog verfolgen. Schöne neue Welt!

Was haltet ihr von dem writing tracker – Spielerei oder sinnvolles Tool?
Welche Informationen würdet ihr gerne über euren Schreibprozess protokolliert wissen?


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